Neuanfang nach 1945: Die ersten Jahre
Recherche und Text: Lea Schiefner
Neustadt in der Nachkriegszeit
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im März 1945 wurde Neustadt an der Weinstraße im Rahmen der alliierten Offensive „Operation Undertone“ von US-Truppen eingenommen. Die Kämpfe endeten am 23. März 1945, und nur kurze Zeit später übernahmen französische Besatzungstruppen die Kontrolle über die Region, zu der auch Neustadt zählt. Neustadt lag, wie die gesamte Pfalz, in der französischen Besatzungszone Deutschlands. Diese Zone umfasste große Teile des südwestlichen Deutschlands und war durch die französische Militärregierung verwaltet. Bereits am 8. September 1945 erhielt Neustadt die Funktion eines zentralen Verwaltungssitzes der Pfalz, und 1946 wurde es Sitz des Regierungsbezirks Pfalz im neuen Land Rheinland-Pfalz.
Trotz des Kriegsendes war das Leben in der Stadt weiterhin von Restriktionen geprägt. Lebensmittelkarten, Ausgangs- und Reiseverbote blieben bestehen, und die Versorgungslage war schwierig. 1947 lag die durchschnittliche tägliche Kalorienration im Raum Neustadt bei weniger als einem Drittel des Vor-Krieg-Niveaus, was zu Mangelernährung und gesundheitlichen Problemen führte. Die Notlage führte zu einem verstärkten Schwarzmarkt- und Tauschhandel. Wohltätigkeitshilfe, insbesondere durch ausländische Organisationen wie CARE-Pakete, milderte die Versorgungslage etwas ab, besonders ab 1946. In den ersten Jahren nach 1945 begann auch der langsame Prozess des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. So wurden z. B. Ehrenbürgerwürden für Adolf Hitler und andere Nationalsozialisten 1947 aberkannt und Straßen- sowie Platznamen umbenannt, um die NS-Verherrlichung zu beseitigen.
Nach Kriegsende drängten die alliierten Siegermächte auf den Aufbau der Erwachsenenbildung. "Dadurch soll versucht werden, dem Volk demokratische Prinzipien und Lebensgewohnheiten beizubringen und ihm die Irrtümer der Nazi-Doktrin vor Augen zu führen," ließ die amerikanische Militärregierung 1947 verlauten (Knierim/Schneider 1978, S. 36). Viele Erwachsenenbildner der Weimarer Zeit wurden wieder aktiv und beteiligten sich am Neuaufbau (Oppermann/Röhrig 1995, S. 32f).
Die Gründung der Volkshochschule Neustadt an der Haardt

Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg: Nach dem Ende der NS-Diktatur und der Schließung aller Schulen durch die Alliierten wurde 1946 die Wiederaufnahme der Bildungsarbeit möglich. Die französische Militärregierung erteilte früh die Genehmigung zur Gründung von Volkshochschulen in der Region Hessen-Pfalz.
Gründungskomitee: In Neustadt bildete sich ein Komitee (u.a. Wolfgang Günther, Bell, Ludwig, Schmidt), das die Wiedergründung vorbereitete. Die Gründungsversammlung fand im Dienstzimmer des Präsidialdirektors Bökenkrüger statt, der auch als Mentor und Förderer auftrat.
Eröffnungsfeier: Am 30. Juni 1946 wurde die Volkshochschule Neustadt im Mozart-Saal des Saalbaus offiziell eröffnet. Oberregierungspräsident Dr. Otto Eichenlaub war Schirmherr und stellte ein Startstipendium zur Verfügung. Die Zielsetzung war, allen geistig aufgeschlossenen Menschen einen „kultur- und geistesgeschichtlichen Wiederaufstieg“ zu ermöglichen und insbesondere der Jugend neue Perspektiven zu eröffnen.
Bildung für alle: Die vhs verstand sich von Beginn an als „freie alma mater für alle Bevölkerungsschichten“, offen für alle, ohne ideologische Einschränkungen. Sie wollte Bildungslücken schließen und ein Fundament für geistige Weiterbildung schaffen.
Demokratischer Auftrag: Nach den Jahren der Diktatur war es ein zentrales Ziel, demokratische Werte und kritisches Denken zu fördern. Die VHS sollte einen Beitrag zur „Revision unserer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Standpunkte“ leisten und insbesondere der jungen Generation einen Ausgleich zur Zwangserziehung der NS-Zeit bieten.
Die ersten Kurs-Programme

Breites Angebot: Das Vorlesungsverzeichnis der ersten beiden Jahre zeigt ein sehr umfangreiches und vielseitiges Kursangebot in zwölf Abteilungen: Juristische, Geschichtswissenschaftliche, Kunstgeschichtliche, Philosophische, Literaturgeschichtliche, Staats- und wirtschaftswissenschaftliche, Landwirtschaftliche, Naturwissenschaftliche, Medizinische, Aufbau-Abteilung (Grundbildung), Buchhaltung/Stenografie/Maschinenschreiben und Sprachkurse (u.a. Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, Latein, Griechisch).
Systematischer Studiengang: Die VHS bot erstmals einen sechssemestrigen Studiengang an. Jeder Hörer erhielt einen Studienausweis, in dem die besuchten Vorlesungen eingetragen wurden. Der regelmäßige Besuch wurde am Semesterende bestätigt.
Offen für alle: Teilnahmeberechtigt waren alle ab 16 Jahren. Die Anmeldung erfolgte persönlich im Sekretariat, Hauptstraße 12, gegen eine Gebühr von 5 RM für den Studienausweis.
Kurszeiten: Die Vorlesungen fanden werktags abends statt, Filmveranstaltungen am Sonntagvormittag.
Sonderveranstaltungen: Es gab einen Kinoklub, einen Buchring für die Jugend, Musikveranstaltungen und einen Theaterring mit Aufführungen regionaler Bühnen.
Büchersammlung: Die VHS rief zur Spende von Fachbüchern für den Aufbau einer eigenen Bücherei auf.